Früh am Morgen sind wir von unserer Unterkunft in Knysna losgefahren durch die Kleine Karoo, eine Halbwüste zwischen den Swaartbergen im Norden und der Randstufe im Süden. Nach dem Besuch in den Kango Caves (Tropfsteinhöhle) und auf einer Straußenfarm waren wir zum Mitttagessen bei Allie in Oudtshoorn. Allie hatte Straußensteaks zubereitet, vorzüglich und sehr zart. Dazu gab es Salat und kalte Getränke (Wasser, Wein, Bier, Eistee). Allie ist freischaffende Künstlerin und betreut die Zwillinge Thapelo und Tumelo, die aus der Township kommen und ein eigenes Unternehmen gründen wollen. Auf dem Weg dahin finanzieren sie sich durch Mittagessen und geführte Township-Tours für Reisegruppen, die ein- bis zweimal pro Woche ankommen.
Nach dem Essen stieg Tumelo in unseren Bus und nahm das Mikrofon. Während wir langsam durch die Township fuhren, zeigte er uns Einiges und erläuterte auf Englisch. Die Hintergründe hatten uns unsere Reiseleiter schon vorher erklärt: Wie Townships entstehen, welche Zustände dort herrschen, wie die Menschen dort leben, wie Behörden und karitative Einrichtungen versuchen zu helfen ... die Kurzfassung ist: Die Menschen ziehen vom Land in die Stadt, weil sie hören, dass es dort Arbeit gibt und billiges Essen und Strom und insgesamt ein weniger anstrengendes Leben als auf dem Land. (Oder sie werden vom Staat zwangsweise umgesiedelt, weil unter ihrer Heimat Diamanten entdeckt wurden.) Also ziehen sie in die Nähe der Stadt und bauen eine Hütte aus irgendwelchen Teilen, die sie finden.
Weil es keine Arbeit gibt, sind Kinder die sicherste Einkommensquelle. Der Staat zahlt eine geringe Unterstützung (500 Rand pro Monat?) für alleinerziehende Mütter, außerdem gibt es Kindergeld. Insgesamt reicht das aus, um nicht zu verhungern, wenn niemand in der Familie das Geld versäuft. Alkohol ist in allen Townships ein Problem. Kriminalität ebenfalls.
Das Wichtigste für die vielen Kinder in der Township ist Bildung. Die Schulen und die karitativen Einrichtungen bemühen sich, neben dem Unterricht auch pädagogisch wertvolle Freizeitangebote zu schaffen. Allie sagte uns, das nächste große Projekt sei ein Kino, in dem die Kinder sich nach der Schule beschäftigen können. Zuhause läuft ohnehin der Fernseher (wenn einer da ist) den ganzen Tag, aber damit die Kinder nicht nur Mist konsumieren, ist so ein Kino prima. Der Volksglaube ist in Afrika sehr stark, Aufklärung tut überall Not. Es gibt zum Beispiel viele Märchen über AIDS, besonders darüber, wie man immun gegen AIDS wird: Durch Knoblauch und Vitamin C, durch Sex mit einer Jungfrau, durch Vorhaut-Beschneidung ("Get wise - circumcise") ...
Darum muss man in den Townships jede Möglichkeit zur Aufklärung nutzen. Zum Beispiel Graffiti: "Respect Life", "Wake Up Young People: Danger Drug Abuse", "Be Always Yourself": für religiöse Toleranz.
Trotz der Armut und obwohl die weißen Touristen wie Zoobesucher durch die Township brausen und gaffen, sind die meisten Einwohner freundlich und winken und lächeln. Ich weiß nicht, ob es in allen Townships so ist. In Oudtshoorn hatte ich jedenfalls das Gefühl, dass die Grundbedürfnisse der Menschen erfüllt sind: Essen, Trinken, grundlegende Hygiene, Gemeinschaft. Vor allem die Kinder schienen entsprechend zufrieden und vergnügt.
Danach sahen wir uns die Hütten an. Eine Küche, Schlaf- und Wohnzimmer (= Schlafzimmer, aber mit Fernseher). Düster und eng, jeder Raum kaum größer als das Bett darin. In der Küche krabbelten große Insekten auf dem Sicherungskasten. Die Verständigung lief auf Englisch, was in Südafrika jeder in der Schule lernt. Aber genau wie in Deutschland heißt das nicht, dass alle auch wirklich Englisch sprechen. Wir erfuhren von zwei Töchtern von Louisa, dass sie 23 und 18 sind (die Ältere hatte ein Kind von 4 Monaten) und beide keine Arbeit haben und nicht verheiratet sind. Arbeitssuche aussichtslos. Studium und Ausbildung sind in der Township keine Optionen.
Aber in Mama Louisas Schlafhütte sahen wir den ganzen Stolz der Familie an der Wand: Hochzeitsfotos, Schulzeugnisse der Kinder, Belobigungen ("Special Merits in Language & Friendlyness") und laminierte Zeitungsartikel (Kind gewinnt Lesewettbewerb). Bildung ist der wichtigste Wert in dieser Familie, Anstrengung im Rahmen des Möglichen und solider Lebenswandel. Ein beeindruckendes Zeugnis des Humanismus.
Dazu passt auch, dass selbst bei der ärmlichsten selbstgebauten Hütte vier saubere, ordentliche Schuluniformen auf der Leine hängen.